Selbst in Hannovers Kestner-Gesellschaft, also einem renommierten Kunstverein, werden Gedanken zur soziokulturellen Öffnung des Hauses laut. Chris Dercon entwarf zum Jubiläum des Vereins eine Perspektive, die er bei uns abgeschrieben haben könnte, wenn er an die Stelle des Kurators das Netzwerk der Initiativen gestellt hätte. So stand es am 03.09.2016 in der HAZ

"Die Kunst der Begegnung"

Bis hierher und weiter: Die Kestnergesellschaft feiert 100. Geburtstag - und denkt darüber nach, wie sie im Jahre 2022 aussehen könnte

von Ronald Meyer-Arlt und Daniel Alexander Schacht

"... Spannender als die Rückschau ist jedoch der Ausblick auf das, was kommen könnte. Und den lieferte Chris Dercon, bis Anfang 2016 Direktor der Londoner Tate Modern.

Der Stargast der Geburtstagsfeier fragte sich, wie die Kestnergesellschaft wohl im Jahr 2022 aussehen würde. Der Mann ist als Weit(er)denker bekannt, deshalb soll er auch Nachfolger des scheidenden Intendanten Frank Castorf an der Berliner Volksbühne werden. Er ist ein mutiger Vordenker, der Grenzen überwindet und Sparten zusammen führt, deshalb ist die Entscheidung, ihn, den Kurator und Museumsmann, zum Theaterleiter zu machen, auch so umstritten. Er ist einer, der Institutionen verändert.

Seine Ideen zur Kestnergesellschaft 2022 sind diskussionswürdig: Nicht allein die Suche nach innovativer Kunst werde die Kestnergesellschaft bestimmen, sagte er. Neue Besuchergruppen werden in den Kunstverein kommen, und sie werden ihn nicht nur besuchen, sondern Teil von ihm sein. Die gemeinsame Erfahrung werde eine wichtige Rolle spielen. Kunst werde 'geistiges Eigentum vieler' statt 'im Besitz weniger' sein. Handwerk, Laienkunst und Nichtkunst würden sich mit Kunst mischen. Die Besucher und Mitglieder werden hier viel Zeit verbringen, und eine Vielzahl von Aktivitäten (nicht nur der pure Kunstgenuss) werde hier möglich sein. Das Ausstellungshaus werde wie ein Campus sein, über den der Geist der Kooperation weht. Und Kuratoren werden die wichtigen kulturellen Persönlichkeiten der Zukunft sein.

Davon war beim Festakt der Kestnergesellschaft noch wenig zu sehen. Die wichtigen kulturellen Persönlichkeiten der Gegenwart jedenfalls scheinen aus dem Bereich der Wirtschaft zu kommen. 256 Gäste waren beim Festakt der Kestnergesellschaft viele davon sind auch potente finanzielle Unterstützer des Kunstvereins.

Werden sie auch die von Chris Dercon propagierte Begegnungskunst der zukünftigen Kestnergesellschaft finanzieren? Das ist nicht sicher. Immerhin geht Dercon davon aus, dass sich im Jahr 2022 auch die Stadt Hannover maßgeblich an der Finanzierung der Kenstnergesellschaft beteiligen müsse. Denn die Stadt gehört bislang nicht zu den Unterstützern. Der Löwenanteil der öffentlichen Finanzierung kommt vom Land Niedersachsen, das nach den Worten des Kestnergesellschaftsvorsitzenden Uwe Reuter 40 Prozent der Finanzierung beisteuert. Aller dings war dieser Anteil einmal um 10 Prozentpunkte höher; der Rückgang der Förderung ist ein Problem - auch wenn Reuter betont, diese Finanzlücke sei 'durch privates Engagement' ausgeglichen worden. ..."